Kiezmagazin für das Brandenburgische Viertel
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Sonntag, 15.2., 14 Uhr, Prignitzer Str. 50: Vernissage der neuen Ausstellungen in der Galerie Fenster: »Maramures«, Fotografien von Axel Heller , und »Gesundbrunnen - Chorin«, Zeichnungen von DAG. Beide Künstler sind anwesend, musikalisch umrahmt von Bernhard Meyer (E-Bass).

Der »Bürgerrat« für die Beteiligung am neuen Integrierten Entwicklungskonzept (IEK) für das Brandenburgische Viertel kommt am 25. Februar und am 26. März, jeweils von 17 bis 20 Uhr im Hort Kinderinsel in der Kyritzer Straße 17 zusammen. Siehe auch hier.

Livestream der aktuellen Stadtverordnetenversammlung.

Mehr als 500 Menschen kamen am »Valentinstag« zur »Trauerfeier« nach Britz, um vor dem Werktor des einstigen Schlacht- und Verarbeitungskombinats Eberswalde (SVKE), zuletzt »Eberswalder Wurst«, ihre Trauer und Wut über die Entscheidung des Fleisch-Milliardärs Tönnies zu artikulieren, der drei Jahre nach Übernahme zum Ende des Monats das Werk schließen läßt. Thomas Gädicke, dessen Rede zur Trauerfeier wir nebenstehend wiedergeben, hatte sein ganzes Berufsleben in dem Betrieb verbracht und engagierte sich viele Jahre als Mitglied im Betriebsrat für die Interessen der Beschäftigten.
Das Brandenburgische Viertel - damals Max-Reimann-Wohnkomplex - und das SVKE sind sowas wie siamesische Zwillinge. Der Wohnraumbedarf für die vielen neuen Beschäftigten des Werkes in Britz waren eine der Voraussetzungen für die Errichtung dieses Wohngebietes. Viele SVKE-Mitarbeiter fanden im Reimannviertel, wie viele ältere Bewohner unseren Kiez noch heute nennen, ihre Heimat. Einer davon ist Thomas Gädicke, der mit seiner Familie auch heute noch im Kiez wohnt.

Fünf nach Zwölf in Britz:
Bewahrt Euch die Solidarität

Trauerrede zur Schließung des SVKE/Eberswalder Wurst

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Trauergemeinde!

»Eberswalder«, steht für Bekanntheit, für Qualitätsprodukte, ostdeutsche Identität.

Hier, auf dem diesem Fleck Erde, auf dem wir uns befinden, gab es landwirtschaftliche Nutzfläche, Kartoffel- und Rübenacker. Als Schulkinder sammelten wir Steine und Kartoffeln, um mit dem verdienten Geld, Schüler-Klassenfahrten zu finanzieren. Das war vor 1972.

Die von Euch, die sich rückbesinnen, wissen noch wie es war, als Tag und Nacht ununterbrochen Kolonnen von W50-LKW durch Britz fuhren. Sämtliche Bauteile kamen über die Autobahn, durch Golzow und Britz-Dorf hindurch.

Viele jugoslawische Gastarbeiter, die Geschehnisse bei Antje in der Dorfkneipe. Es ging die Post ab. Damals kam der Westen zu uns in die Region.
Weil sich damals eine Dorfschöne und ein Jugoslawe verliebten, der Jugoslawe Assim mit einem Dienstfahrzeug, ein VW-Pritsche mit Doppelkabine, hier aufenthaltserlaubt war, der Bruder der Dorfschönen an einem WE das Fahrzeug nutzen durfte, fuhr ich mit, in einer 6-Mann-Dorfclique nach Potsdam, um uns Schloß Sanssouci anzuschauen. Meine erste Fahrt mit einem Westauto.

Die Machthaber im Staate DDR versuchten sich an einer vollkommenen einmaligen Industriestruktur. Schweinemast, Futterbereitstellung, Wohnungsbau, Schlachtung und Verarbeitung, Infrastruktur, Versorgung der Bevölkerung – in einer Größenordnung, die es so in Europa noch nicht gab.

Das Besondere am SVKE war nicht nur die Hülle für den produktiven Bereich. Die Technologie und die Maschinen waren teils modernste »Westtechnik«. Erinnert Euch an den Strichcode-Scanner für die Einlagerung ins dynamische Lager.

Meine Erkenntnis, aus heutiger Sicht, mit Übergabe an die Kombinatsleitung fingen bereits die Probleme an. Osttechnik und Westtechnik waren nicht kompatibel. Allein die nachgemachten PVC-Kollis. Sie hatten nicht die geforderten Eigenschaften, die die dynamischen Regallager vorgaben.

Bis 1989 wuchs die Region um Eberswalde wirtschaftlich enorm. Die politische Wende brachte eine arbeitsrechtliche Neuordnung, westlich angepaßt. Arbeiter- und Bauernstaat, Vergangenheit.

Dank der guten und intensiven Unterstützung durch die Gewerkschaft Nahrung Genuß Gaststätten (NGG), den Solidaritätsbekundungen der Gewerkschaftsmitglieder aus den BRD-Betrieben die in der NGG organisiert sind, konnte ein Betriebsrat (BR), eine Arbeitnehmervertretung, vor der rechtlichen Zulässigkeit, gegründet werden.

Spontan fallen mir Namen der »ersten BR-Stunden« ein: Karin Leuschner, Eberhard Hoppe, Erhard Bengelsdorf, Jürgen Nicodem. Schulungen im Arbeitsrecht, Rechte und Pflichten des Betriebsrats, alles war neu.

Aufpassen, Profit ist Gier, Ausbeutung pur.

Auch die DDR-Oberen haben die Wirtschaftlichkeit primär betrachtet. Doch der soziale Aspekt, die Wertschätzung der Werktätigen, ist das, was in Erinnerung verblieben ist. Mit der Entstehung des SVKE, bis zur politischen Wende gab es eine Tankstelle, eine Betriebsfeuerwehr, eine Kampfgruppe zum Schutz vor dem Feind aus dem Westen, Friseur, Freibank, Sparkasse, Verkaufsstelle, Arztpraxis, Zahnarztpraxis, Sauna, Kinderferienlager, FDGB-Reisebüro, Staatssicherheit, Parteiführung, Überstunden-Barauszahlung, Lehrlingswohnheim, Berufsschule, Frauenruheraum, Haushaltstag, Jahresendprämie ...
Alles aufgezählt? Bestimmt war da noch weiteres, das nicht ins Schema der sozialen Marktwirtschaft paßt.

Mit den – für uns – »neuen« Gesetzen wurden innerbetriebliche Strukturen aufgebrochen. Die soziale Marktwirtschaft ist rücksichtslos.

Die Mitgliedschaften im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) des SVKE gingen damals nahtlos in die NGG über. Die daraus entstandenen, langen Zugehörigkeiten, werden in der NGG-Zeitung »Einigkeit« stets würdevoll erwähnt. Mit 70 Jahren Zugehörigkeit, wird der Name meiner Schwiegermutter in diesem Jahr dazu gehören.

Von 1989 bis 2022 erlebte ich vier Eigentümergesellschaften und Führungswechsel.

In Erinnerung habe ich noch die Abschaffung des Heizhauses mit der Umstellung auf Gas, den Rückbau der Anschlußbahn, die Einstellung der Konservenproduktion, die Einstellung der Fettschmelze, die Anschaffung des Pasteurs und und und. Das sind technische Umstrukturierungen, stets gewinnorientiert, Gewinnmaximierung. Damit einher bedeutet es Personalkostensenkung.

Eine gute und hohe gewerkschaftliche Organisation gab es in den ersten Umbruchjahren. Mit Begeisterung ließen sich Beteiligungen an Demonstrationen in Bonn und Berlin organisieren. Argumente der Geschäftsführer, die Lohnerhöhungen naturgemäß abzulehnen, wurden stets mit aktuellem Marktgeschehen gekontert. Der Wirtschaftsausschuß und die Gewerkschaft NGG kannten die Zahlen und erforderten ein zähes Verhandeln. Im Nachhinein zogen die Arbeitnehmer dennoch stets den Kürzeren.

Die Argumente wie: »Letzter Sargnagel«, oder »Wir sitzen alle im selben Boot«, Kompromisse, die stets mit dem Verlust an Arbeitsplätzen einher gingen.

Weil in der Fleischbranche jeder Krauter für sich agiert, versuchte man durch Regionalität, schon vor der Ära Krone, eine Win Win Bewirtschaftung. Politische »Verbrechen«, wie Werkvertrag Leiharbeit, fielen stets zu Gunsten der Arbeitgeber.

Der Beginn des Sterbens begann mit der Schließung der nahe gelegenen Schweinemast in Lichterfelde im Jahr 1990. Luftlinie circa vier Kilometer. Der damalige Landwirtschaftsminister Ignaz Kichle und leider auch der damalige Ministerpräsident von Brandenburg, Manfred Stolpe, entschieden, daß ab einem bestimmten Tag keine Sau mehr besamt wird.

Damals mußten auch diese Beschäftigten eine neue Tätigkeit suchen. Die einstigen hohen Beschäftigungsraten unserer Region in RAW, Kranbau, Walzwerk, Rohrleitungsbau, Chemische Fabrik, Papierbude, Gastronomie und Hotellerie – alles Geschichte. Machen wir uns nichts vor, die Welt ist kapitalistisch. Denken wir mal an das Bäckerhandwerk, an den Schuhmacher, an den Scherenschleifer. Umbrüche wird es immer geben.

Wer den Entschluß faßte, sich auf dem Arbeitsmarkt umschaute, ermutigt durch Uwe Ledwigs regelmäßige Aussagen bei Betriebsversammlungen, »es gibt hier keine wirkliche Perspektive für auskömmlichen Lohn, der auch eine auskömmliche Rente sichert!«, hatte sich in vielen Fällen im Lohn verbessert. Die Geschäftsführungen sahen in dieser Aussage meistens die »Störung des Betriebsfriedens«.

Bewahrt Euch den Solidaritätsgedanken! Allen wünsche ich eine neue, erfolgreiche Perspektive.

Thomas Gädicke – 14. Februar 2026

Siehe auch: »Fünf nach Zwölf«




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