Kiezmagazin für das Brandenburgische Viertel
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Sanierungsfortschritt in der Oderbruchstra├če. Zu sehen ist die Frontseite des Wohnblocks am 21. Februar sowie am 13. und 21. M├Ąrz.

Livestream der aktuellen Stadtverordnetenversammlung.


Die verwandelte Stadt

Wie sich das Brandenburgische Viertel seit 1990 entwickelte

Im Museum der Stadt Eberswalde kann man sich zur Zeit die Ausstellung ┬╗Die verwandelte Stadt┬ź ansehen. Hier wird der Versuch unternommen, die vielf├Ąltigen Entwicklungen des letzten Vierteljahrhunderts darzustellen, einer Zeit gro├čer Umbr├╝che, im gesellschaftlichen wie im privaten. Man mu├č den Museumsmachern, wie auch dem Amt f├╝r Wirtschaftsf├Ârderung, das einen Begleitband gestaltet und gedruckt hat, Respekt zollen f├╝r einen bunten ├ťberblick der Highlights von Kultur, Wirtschaft, Sport, St├Ądtebau, Bildung und Politik.

Gezeigt werden Produkte der Seilrollenfertigung des ehemaligen Kranbaus, Highend-Lautsprecher der Firma C.E.R.T., ein Bedienelement eines Au├čenfahrstuhls, Utensilien eines Faschingsclubs, diverse Sportpokale und eine Videodokumentation ├╝ber Eberswalde im Jahre 1990.

Da├č ├╝ber den Bau des Paul-Wunderlich-Hauses berichtet wird, ├╝ber die Wiederer├Âffnung der forstlichen Fachhochschule und ├╝ber die Sanierung und den Umzug des psychiatrischen Landeskrankenhauses, das alles ist nat├╝rlich selbstverst├Ąndlich. Weniger verst├Ąndlich ist hingegen, da├č die Finower, die Nordender, die Ostender, die Westender und die Bewohner des Brandenburgischen Viertels in der Stadtgeschichte der letzten 25 Jahre ├╝berhaupt nicht vorkommen, so als sei Eberswalde noch der kleine Marktflecken des 18. Jahrhunderts, der vom Kanal bis zur Kirche reicht.

Die Passage wurde gebaut. Zu dieser Zeit wurde wohl in jeder gr├Â├čeren deutschen Stadt ein Einkaufscenter errichtet. Daf├╝r mu├čten viele kleine L├Ąden, besonders in der Eisenbahnstra├če, ihr Gesch├Ąft aufgeben. Die Altstadt wurde saniert, sehr lobenswert. Aber damit die steigenden Mieten an den Mann bzw. die Frau gebracht werden k├Ânnen, mu├čte anderswo in Eberswalde ┬╗der Markt bereinigt┬ź werden.

Diese andere Stadtgeschichte illustriert nebenstehende Abbildung: Im Brandenburgischen Viertel wurden im letzten Jahrzehnt 26 Wohnbl├Âcke abgerissen. Preiswerter Wohnraum f├╝r 3000 Menschen!
Das Reimannviertel war in den 1980ern gefragt bei jungen Familien, moderne H├Ąuser mit Zentralheizung und Bad. Auch viele Familien der sowjetischen Bundesgenossen wohnten hier im Waldviertel, w├Ąhrend die MiGs zum Landeanflug nach Finow ansetzten.

In dem Video, das im Museum l├Ąuft, kann man zur├╝ckblicken: auf ein Reimannviertel voller Menschen, auf gut besuchte Kaufhallen, auf Spielpl├Ątze, die noch weit vom heutigen Standard entfernt waren ÔÇô auf ein junges Wohngebiet, das noch vorwiegend von Sand, von Kiefern und von Trabants beherrscht wurde.

Reimannviertel - dieser Name wurde schnell obsolet in der neuen Marktwirtschaft Brandenburgs. Was lag n├Ąher, als das Viertel nach dem Land und die Stra├čen nach ihren St├Ądten zu benennen? Ein Zeichen von m├Ąrkischem Patriotismus. Aber auch ein Zeichen davon, die eigene Geschichte verdr├Ąngen zu wollen. Wenigstens das Denkmal des Namensgebers Max Reimann durfte stehenbleiben.

Noch wohnten 1992 ├╝ber 13.000 Menschen im neuen Brandenburgischen Viertel, die teilweise recht gut verdienten. Der Geist der Zeit erforderte nun ein Einkaufszentrum und ein Bankgeb├Ąude, und so kam das Viertel zu einem richtigen Zentrum mit einem zentralen Platz, der zum Treffpunkt, zum Marktplatz und zum Festplatz wurde.

Aber vielen Familien wurde es zu eng im Wohngebiet, sie wollten ein H├Ąuschen im Gr├╝nen, es gab ja so g├╝nstige Kredite vom Bankhaus! Wohnst du noch, oder baust du schon? Die neue Zeit machte es m├Âglich.
Dazu kam die allgemeine Situation in den ├Âstlichen Bundesl├Ąndern mit hoher Arbeitslosigkeit, was den Wegzug der jungen Leute in den Westen zur Folge hatte.

So kam es, da├č immer mehr Wohnungen leer standen, die Vermieter nur noch wenig investierten und ein Block nach dem anderen abgerissen wurde. Es hie├č, es werde im Rahmen des Stadtumbaus ┬╗zur├╝ckgebaut┬ź. Ein sch├Ânes Wort f├╝r die Vernichtung von Werten. Erst kam der Bagger, dann kam der Schutt, dann kam die Sandfl├Ąche und dann kamen die Kr├Ąuter und B├Ąumchen. Gras wuchs ├╝ber die ganze Sache.

Aber nicht nur Wohnungen mu├čten weg. Ganze 4 Schulen wichen den ┬╗Stadtumbauern┬ź: die Grundschule Am Stadtwald (vorher 6. POS Max Reimann), die Gesamtschule Rosa Luxemburg (13. POS), die Gesamtschule Albert Einstein (14. POS Ernst Th├Ąlmann) und schlie├člich, im letzten Jahr, das alte Geb├Ąude der Schw├Ąrzesee-Grundschule. Dabei wohnen hier im Viertel die meisten Kinder von Eberswalde. So viele Spielpl├Ątze wie hier gibt es in keinem anderen Stadtteil!

Aber die Goetheschule war wichtiger. Schlie├člich stammte sie noch aus alter preu├čischer Zeit. So m├╝ssen nun viele Obersch├╝ler weit fahren am fr├╝hen Morgen. Mit einem Sch├╝lerabo der Barnimer Busgesellschaft (BBG).

Ach ja, die Busse! Die fehlten ein bi├čchen in der Ausstellung. Was w├Ąre Eberswalde ohne seine Obusse? Das ist ein Auftrag ans Stadtmuseum. Das sollte man nicht der BBG alle Jubeljahre ├╝berlassen.

Das ehemalige Reimannviertel jedenfalls hat sich, ungewollt, dahin entwickelt, wie es sich der planende Architekt eigentlich vorgestellt hatte: gro├čz├╝gig, weit, mit Sonne und Licht und viel Gr├╝n. Und vielen spielenden Kindern. Aber was der Architekt sagt, ist das eine, das andere bestimmt die Politik ...

J├╝rgen Gramzow - 23. November 2015




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