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Frühling im Kiez


Etwa zwanzig Menschen trauerten am 16. März vor dem Haus in der Senftenberger Straße, in dem sich Salah Tayyar vom Balkon in der 6. Etage in den Tod stürzte.>br> Die Gruppe »Barnim für alle!« ruft unter dem Motto »Wir sind alle Salah!« auf zu zwei Kundgebungen am Internationalen Tag gegen Rassismus, Sonntag, 21.3.21, um 13 Uhr Eberswalde Hbf und um 15 Uhr in der Senftenberger Str. im Brandenburgischen Viertel.

Aus Angst vor Abschiebung:
Ein Mensch springt in den Tod

Wie verzweifelt muß man sein?

maxe. Am Dienstagabend trafen sich rund 20 Menschen in der Senftenberger Straße, dort, wo sich am vergangenen Donnerstag Salah Tayyar das Leben nahm, indem er sich vom Balkon seiner Wohnung in der sechsten Etage in die Tiefe stürzte.

Vor acht Jahren war er in die BRD gekommen in der Hoffnung, hier Schutz zu finden vor den Verfolgungen in seinem Heimatland Tschad. Als junger Mann kam er dort wegen Ungehorsam in ein Militärgefängnis. In den zweieinhalb Jahren dort, so schilderte er es in seinem Asylverfahren, wurden er und andere Gefangene regelmäßig gefoltert. Nach jahrelanger Flucht durch Libyen und übers Mittelmeer erreichte er die BRD.

Nach Einschätzung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ist der Tschad ein »weitgehend sicheres Land«. Somit wurde sein Asylantrag abgelehnt. Acht Jahre lang kämpfte er mit Hilfe einer Anwältin um ein Recht zu bleiben. Im April hätte er einen letzten Termin vor dem Verwaltungsgericht Frankfurt/Oder gehabt. »Salah Tayyar wußte sehr genau, daß er trotz seiner Geschichte fast keine Chance hatte, vom Gericht Asyl zuerkannt zu bekommen.«, erklärt Philipp Grunwald, der ihn im Rahmen der Asylverfahrensberatung kannte und den Gerichtstermin im April mit ihm vorbereitet hatte.

Freunde und Angehörige bestätigen, daß die unklare Aufenthaltsperspektive das Problem war, das ihn in Depression stürzte und eine Behandlung seiner Traumatisierungen unmöglich machte.

Ein Freund berichtete am Dienstagabend, daß er kurz vor seinem Tod noch mit ihm telefoniert hatte. Salah sagte immer wieder, er habe Streß und Angst vor der Abschiebung. Bei weiteren Telefonanrufen nahm niemand den Hörer ab. Als er am Donnerstagabend an der Wohnungstür klingelte machte niemand auf. Anrufe bei der Polizei hatten erst am Montag Erfolg. Die Polizei informierte, daß Salah gestorben ist.

»Als Geflüchtete haben wir eine klare Meinung über den Selbstmord dieses jungen Mannes, der (...) in Deutschland fast 8 Jahre lang (...) an der Ungewissheit gelitten hat.«, schreibt die Gruppe »Barnim für alle«, in der sich Geflüchtete gegen Rassismus organisieren, in einer Erklärung von Montag Abend. »Dieser Druck führte zu seinem Selbstmord. Diesem Druck ist eine große Gruppe von Geflüchteten im Barnim und ganz Deutschland ausgesetzt.« Die Gruppe macht das deutsche Asylsystem und die Landes- und Landkreisbehörden direkt für den Tod des Mannes verantwortlich: Er sei »Opfer eines rassistischen Regimes, das Geflüchtete so lange verfolgt und unter Druck setzt, bis sie den Selbstmord als letzten Ausweg sehen.«

»Was kommt als nächstes?«, fragt der Aufruf, und kündigt an: »Wir lassen das nicht stehen - wir vergeben nicht, wir vergessen nicht.« Weil viele Geflüchtete in derselben permanenten Unsicherheit über ihren Aufenthalt in Deutschland leben müssen, entstand das Motto: »Wir sind alle Salah!«

Am Internationalen Tag gegen Rassismus, Sonntag, 21.3.21, sollen deshalb zwei Kundgebungen stattfinden:

  • 13 Uhr Eberswalde Hbf.,
  • 15 Uhr Senftenberger Str. im Brandenburgischen Viertel, vor dem Haus, in dem Salah Tayyar wohnte.

Außerdem ruft die Gruppe zu Spenden für die Familie des Mannes auf. Inzwischen haben sich seine Verwandten dafür entschieden, Salah in der BRD zu beerdigen.

(16. März 2021)




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